(Zum Sechstagekrieg 1967) von Erich Fried

1

Nicht als Fremder und nicht als Feind
Von Haß gegen euch entzündet
Ich spreche als einer von euch
Der auch Irrwege kennt

In den Gaskammern und in den Öfen
Wo eure Familien vergingen
Wurden auch meine Verwandten vergast und verbrannt

Seither kämpfe ich gegen das
Was dahin geführt hat
Gegen die Mächte
Die Hitler zur Macht verhalfen

Sie sind noch nicht verschwunden
Von dieser Erde
Und was tut ihr?
Ihr lasst euch von ihnen fördern

2

Sie wollen das gleiche von euch
Was sie von Hitler wollten:
Ihr sollt Vorposten sein
Für ihre Ordnung in der Welt

Darum muß ich das Bittere sagen
In eure Ohren
Die ihr im Unrecht verstopft
Wie zur Zeit der Propheten

Auch wenn es bitter schwer ist
Auch wenn ihr es mit Bitterkeit heimzahlt
Aber ihr sollt nicht sagen können
Das sagten euch nur eure Feinde

Und später soll es nicht heißen:
Zur Zeit als die Juden noch siegten
Sprach keiner von ihnen
Gegen ihr eigenes Unrecht

3

Ihr habt in Europa
Die Höllen der Höllen erlitten
Verfolgung, Vertreibung
Langsamer Hungertod

Die Gewalt der Mörder
Die Hilflosigkeit eurer Schwäche
Die Urform des Unrechts
Das nichts als die eigene macht kennt

Ihr habt eure Henker
Beobachtet und von ihnen
Den Blitzkrieg gelernt
Und die wirksamen Grausamkeiten

Was ihr gelernt habt
Das wollt ihr jetzt weitergeben
Kinder der Zeit des Unrechts
Erzogen in seinem Bild

4

Ihr seid tüchtige Pflanzer geworden
Ihr habt die Wüste bewässert
Doch die Armen die vor euch dort wohnten
Die habt ihr weggedrängt

Eure Gönner die Saatgut schickten
Und Geld für euere macht
Sehen: die Saat geht jetzt auf

Nicht nur Pflanzen:
An Stelle des ungerechten
Hasses der euch verfolgt hat
Sät ihr heute gerechteren Haß

Ich wollte nicht
Dass ihr im Meer ertrinkt
Aber auch nicht dass andere durch euch
In der Wüste verdursten

Als ihr verfolgt wurdet
War ich einer von euch
Wie kann ich das bleiben
Wenn ihr Verfolger seid?

5

Ihr habt nicht von den Völkern gelernt
Sondern von ihren Herren
Ihr seid nicht mehr Opfer der anderen:
Ihr selbst wollt andere opfern

Eurer vergänglichen Macht
Von der ihr glaubt sie genügt
Um den Armen ihr Land zu nehmen
Auf dem sie saßen

6

Ihre Gesichter
Sind euern Gesichtern ähnlich
Ihre Sprache
Ist eurer Sprache verwandt

Auch sie taten manchmal Unrecht
Nicht alles ist schwarz oder weiß
Ihr beide seid gebrannt
Von der selben Sonne

Aber euer Unrecht war größer
Denn ihr habt euch Land geben lassen
Von denen die kein Recht hatten
Es euch zu geben

Zwar ihr selbst wart bedrückt wo ihr herkamt
Mehr als andere Kolonisten
Doch die Armen im land das ihr nahmt
Waren nicht schuld daran

Zwar ihr selbst wart arm
Aber immer noch reich gegen die
Deren Boden ihr kauftet
Fast wie Yankees einst den Indianern

7

Kehrt um! Kehrt um!
Die euch Geld oder Waffen gaben
Werden nicht immer da sein
Um euch zu schützen

Umkehren wird nicht leicht sein:
Der Haß der Armen lebt lange
Und viele wünschen euch das
Was einst ihr euren Peinigern wünschtet

Doch euch bleibt kein anderer weg
Euch die Zukunft zu öffnen
Wenn es nicht eine Zukunft
Der ewig Verhassten sein soll

Kehrt um! Kehrt um!
Die euch Geld oder Waffen geben
Brauchen euch nur als Söldner
Gegen die Zukunft

Gegen das Ende der Ausbeutung
Gegen die Hoffnung der Armen
Gegen die Völker
Die eure Brüder sein sollten

8

Zwar unter denen sind solche
Die haben gerufen:
„Alle Juden ins Meer!“
Das sind keine Stimmen der Zukunft

Aber vergesst nicht
Es sind nicht alle dasselbe
So wie auch bei euch nicht alle
Dasselbe denken

In Ägypten und Syrien
Waren andere Kräfte am Werk
Als in den Palästen
Arabiens oder Jordaniens

9

Die Könige riefen zum Haß auf
Sie kennen kein anderes Mittel
Ihre Untertanen
Anzustacheln im Kampf

Doch auch die Feindschaft der anderen
habt ihr erworben
Ihr seid nicht schuldlos daran
Dass sie gegen euch sind

Und vergesst auch nicht:
In New York in Hamburg und London
Schreiben die Zeitungen
Freundlicher über die

Aus deren Ländern die Rufe
Zum Völkermord kamen
Über Feisal und Hussein
Als über Ägypten und Syrien

Denn die Könige wollen sie stützen
Aber die Länder die sich mühsam
Hintasten zum Sozialismus
Zu Falle bringen

Und dazu sollt ihr ihnen dienen
Mit Haut und Haaren
Mit eurem ganzen Vermögen
Von dem sie euch etwas ersetzen

10

Wenn ihr euch nicht zu gut seid
Für diese Rolle
Nicht zu tüchtig und nicht zu klug
Nicht zu menschlich und unabhängig

Dann werdet ihr abhängen
Von den dürren Trägern des Unrechts
Wie ein gehenkter abhängt
Von seinem Galgen

Als warnendes Beispiel
Wohin die Tapferkeit führt
Und die Tüchtigkeit wenn sie verführt ist
Dem Unrecht zu dienen

11

ich sage das nicht für die
die euch immer schon Feinde waren
und nur neue Vorwände suchen
für ihren alten Haß

auch nicht für die unter euch
die lernten von ihren Hassern
sich selbst zu hassen
oder sich hässlich zu finden

Doch ich sage das gegen die
Die sich heute erschaffen wollen
Nach dem Ebenbild ihrer Vernichter
Um selbst Vernichter zu werden

Denn wenn die euch beherrschen
Vernichten sie trotz ihrer Siege
Zuletzt sich selbst
Wie das eure Vernichter taten

Und ich sage das auch
Gegen die falschen Freunde
Die eure Not beschützen
Um euch tiefer in Schuld zu treiben

Gegen die die euch vertreiben wollen
Bis es zur Umkehr zu spät ist
Um ihre Zwecke zu fördern
Mit eurem Blut

12

Ihr habt die überlebt
Die zu euch grausam waren
Lebt ihre Grausamkeit
In euch jetzt weiter?

Eure Sehnsucht war so zu werden
Wie die Völker Europas
Die euch mordeten
Nun seid ihr geworden wie sie

Den Geschlagenen habt ihr befohlen:
„Zieht eure Schuhe aus!“
Wie den Sündenbock habt ihr sie
In die Wüste getrieben

In die große Moschee des Todes
Deren Sandalen Sand sind
Doch sie nahmen die Sünde nicht an
Die ihr ihnen auflegen wolltet

Der Eindruck der nackten Füße
Im Wüstensand
Überdauert die Spur
Eurer Bomben und Panzer

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